Waterfront Projekt

Die Hamburger Lösung

„Waterfront“-Projekte, die Uferzonen in Siedlungsgebiete umwandeln, gibt es heute zahlreiche weltweit. Mit dem Mammutprojekt „Hafencity“ entsteht in Hamburg auf 157 Hektaren ein riesiges, neues Wohn- und Geschäftszentrum. Drohenden Überflutungen wird hier mit einem ungewöhnlichen Warften-Konzept und spektakulären Bauten begegnet.

Umnutzungen einstiger Industrieareale gehören heute schon weltweit zu den gängigen städtebaulichen Aufgaben. Eine besondere Herausforderung an Planer und Architekten stellen dabei die „Waterfront“-Projekte dar, die ehemalige Hafenareale in attraktive Uferzonen umwandeln. Sie definieren die Schnittstelle zwischen Wasser und Land neu und erobern neuen städtischen Raum.

Auf rund 157 Hektaren entsteht auf dem alten Hafenareal von Hamburg – im Anschluss an die historische Speicherstadt - ein riesiger, neuer Stadtteil: die Hafencity. Voraussichtlich 2025 wird deren Realisierung abgeschlossen sein. Zu den architektonischen Landmarken, die bereits heute Anziehungspunkte sind, gehören die sich noch im Bau befindende Elbphilharmonie von Herzog & de Meuron sowie die Unileverzentrale und der Marco Polo Tower von Behnisch Architekten. Das städtebauliche und architektonische Konzept der Hafencity sieht eine Nutzungsmischung von 33 Prozent Wohnen und 50 Prozent Büroflächen vor. Der Rest ist kultureller und kommerzieller Nutzung wie Gastronomie, Hotellerie und Einzelhandel vorbehalten. Zentrales Herzstück der Hafencity ist das Überseequartier, ein knapp acht Hektar grosser Stadtraum, in dem rund 1000 Menschen wohnen und bis zu 7000 Arbeitsplätze entstehen werden. Dazu wird mit etwa 40.000 bis 50.000 Besuchern und Touristen jährlich gerechnet. Der nördliche Teil des Überseequartiers ist bereits weitgehend fertig gestellt. Es ist damit der dichteste Stadtraum, der bisher in der Hafencity entstanden ist.

Warften-System als Flutschutz-Sicherung

Hamburg ist seit jeher ein Hafen gewesen, der von den Gezeiten beeinflusst ist. Die Stadt musste sich schon immer gegen das Wasser, insbesondere bei Sturmflut, wappnen und anpassen. Wie die alte Speicherstadt liegt aber auch die Hafencity südlich der Hamburger Hauptdeichlinie. Dem neuen Stadtteil wird durch die bestehenden Deiche deshalb keinerlei Schutz geboten. Eine neue Eindeichung hätte einen entscheidenden Nachteil gebracht: sie hätte den direkten Bezug zum Wasser und die spannenden Blickbezüge verhindert. Zudem wären für die Errichtung des Dammes eine sehr aufwendige Infrastruktur und teure Sperrwerke nötig gewesen. So musste zur Absicherung vor Sturmfluten eine eigene Lösung entwickelt werden, die in Warften, künstlich angelegten Hügeln, gefunden wurde. Mit Ausnahme der Kai- bzw. Uferpromenaden stehen die Bauten nun auf Sandsockeln von 7,50 bis 8,30 Meter über Normalnull und damit auf hochwassersicherem Terrain. Nur bei den direkt an die Speicherstadt angrenzenden Strassen wurden auf eine nachträgliche Erhöhung verzichtet, da dies Identität und Funktionalität des historischen Ensembles eingeschränkt hätte.

Das der Speicherstadt gegenüberliegende Überseequartier wurde auf solchen Warften errichtet. Der dichte Nutzungsmix des neuen Viertels wird durch grosszügige Boulevards und Plätze unterbrochen, die – ebenfalls zur Flutsicherung - mit Höhenunterschieden spielen. Die verschiedenen Ebenen sind über Rampen, Treppen und Terrassen miteinander verbunden. Im Gegensatz zu den Bauten entlang der Hafenbecken, die aus unterschiedlichen Gebäudeformen und Materialisierungen bestehen, dominiert bei den Gebäuden im Überseequartier der rote Ziegel. Das Material, als Entsprechung zu den Backsteinfassaden der gegenüberliegenden, alten Speicherstadt eingesetzt, verleiht den Bauten Tiefe, Sinnlichkeit und Stabilität.

Schützende Sockelzone

Zu den fertig gestellten Projekten im Überseequartier gehören drei Komplexe: die Wohnbauten Arabica und Ceylon sowie der Kontorhof Java, der im Erdgeschoss Einzelhandels- und Gastronomieflächen beherbergt und in den Stockwerken darüber Büros. Die Wohnungen in den Bauten Arabica und Ceylon sind überwiegend nach Süden hin orientiert und verfügen über Balkone und Loggien mit Ausblicken auf Elbe- und Hafenlandschaften. Entworfen wurden die drei markanten Bauten von der Arbeitsgemeinschaft Trojan Trojan + Partner und Dietz Joppien Architekten. Gestalterisch stimmten die Architekten die prismatischen Baukörper auf die Massstäblichkeit der historischen Speicherbauten und die weiten Wasserflächen ab und öffneten sie über Fugen und Einschnitte zum Boulevard hin. Die Gesamtwirkung der drei Bauten wird durch deren horizontale Gliederung bestimmt, aber auch durch die skulpturale Ausformung mit plastischen Gebäudeeinschnitten und starken Licht- und Schatteneffekten. Mit der Kombination, Schichtung und Überlagerung unterschiedlicher struktureller Elemente gelangen den Architekten abwechslungsreiche Fassadenbilder.

Gemeinsame Basis der roten Backsteinbauten ist eine hohe Sockelzone, die auch die teils halböffentlichen, teils privaten Terrassenhöfe der Büro- und Wohnüberbauung trägt. Die Sockelzone dient aber vor allem der Flutschutz-Sicherung. Denn der Eingangsbereich des Überseequartiers liegt nur bei 6,50 bis 7 Metern Höhe, also innerhalb des Überflutungsbereichs. Die Sockelzone schützt auf diese Weise die Bauten gegen das eindringende Wasser. Zudem nimmt sie als eine Art „Stadtpodest“ die Räumlichkeiten für Einzelhandel, Dienstleistungen und Gastronomiebetriebe auf. Darüber hinaus sind die Gebäude über eine Tiefgarage miteinander verbunden, die mit 3000 Stellplätzen die zurzeit grösste Tiefgarage Europas ist. Auch für sie mussten besondere Vorkehrungen gegen Überflutungen getroffen werden.