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Nachhaltigkeit - June 2024

«Der beste Recycler ist der Hersteller»

Interview mit Architekt und Autor

«Nehmen, nutzen, wegwerfen» – das System der Endlichkeit gehört abgeschafft, sagt Thomas Rau, Architekt und Autor des Buches «Material Matters» im Interview. Da Materialien wertvoll und limitiert sind, sollen sie im Besitz der Hersteller bleiben. Die Folge? Produkte werden zu Dienstleistungen.

Recycling reicht nicht mehr, kritisieren Sie. Was stört Sie?
Die heutige Wirtschaft basiert auf dem Prinzip der Wertevernichtung, wenn es um Materialien geht. Daran ändert das Recycling nichts. Es ist nachgelagert, steht an letzter Stelle im Produktlebenszyklus und ist von der Herstellung völlig abgekoppelt. Das ist so, weil Materialvernichtung weniger kostet als Materialerhalt.

Was schlagen Sie vor?
Ein Hersteller sollte im Besitz der Produkte und der Materialien bleiben. Dann wird er alles daransetzen, dass seine Produkte möglichst langlebig, reparierbar und leicht auseinanderzubauen sind. Er wird sie so bauen, dass man sie leicht aufrüsten kann und nicht wegwerfen muss, nur weil sie mit Erzeugnissen oder Funktionen neueren Datums nicht kompatibel sind. Dafür braucht es ein Geschäftsmodell, das Produkte als Dienstleistung anbietet. Der beste Recycler ist der Hersteller selbst.

Produkte als Dienstleistung – funktioniert das?
Wir haben das Modell bereits mehrfach mit etlichen Firmen erprobt, zum Beispiel mit Philips. Der Flughafen Schiphol in Amsterdam kauft bei Philips nicht, wie ursprünglich geplant, Leuchten, sondern Licht ein. Die gesamte Beleuchtungsinfrastruktur bleibt im Besitz von Philips. Aber auch alle Unterhaltskosten samt der Stromrechnung trägt der Anbieter. Es funktioniert bestens, mit Gewinn für beide Geschäftspartner.

Das heisst, dass ein Sanitärhersteller die gesamte Badausstattung zur Verfügung stellt?
Zum Beispiel. Es könnte zudem bedeuten, dass auch die Wasser- und Stromkosten im Bad Sache des Sanitärunternehmens sind. Dieses hätte folglich grosses Interesse daran, wasser- und stromeffiziente Produkte zu entwickeln.

Was ist aber mit sanitären Gebäudeinstallationen? Wem gehört das Gebäude, wenn die Rohrleitungen im Besitz des Sanitärunternehmens und die Fliesen im Besitz des Plattenlegers bleiben?
So, wie heute Gebäude geplant und gebaut werden, funktioniert diese Dienstleistungswirtschaft natürlich nicht. Aber Veränderung gehört zum Geschäft. Kreislaufwirtschaft ist ein gesamtgesellschaftliches Modell. Es eröffnet neue und vor allem nachhaltige Formen der Produktion und der Nutzung, erfordert aber auch ein anderes Verständnis von Materialien und damit neue gesetzliche Grundlagen.

Das klingt nach einem langwierigen Prozess…
… und wir haben keine Zeit. Ich plädiere nicht fürs Warten. Ich vertraue sehr auf die Wirtschaft und ihre Innovationskraft. Sie muss aber in den Materialien und in deren Besitz einen Wert sehen und Vorteile für sich entdecken. Dann entwickelt sie neue Antworten.

Über Thomas Rau

Thomas Rau ist Architekt, Unternehmer und Buchautor. Sein Architekturbüro RAU Architects in Amsterdam (NL) spezialisiert sich seit 1992 auf umweltbewusstes Bauen. Inzwischen ist Thomas Rau in den Niederlanden die unangefochtene Autorität auf dem Gebiet des nachhaltigen Bauens und der zirkulären Wertschöpfung in der Architektur.

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